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Senioren an der Spraydose

Mit Mundschutz und Dose: Die Graffiti der Älteren sind ziemlich brav. „Trink Tee“ schreibt dieser Künstler an eine Mauer – ganz legal natürlich. Foto: Seniorstreetart / Julia Kappelle
Mit Mundschutz und Dose: Die Graffiti der Älteren sind ziemlich brav. „Trink Tee“ schreibt dieser Künstler an eine Mauer – ganz legal natürlich.

Eine 37-jährige Künstlerin bietet in Kreuzberg Street-Art-Workshops für Ältere an

von Eva Dorothée Schmid

Berlin - Auf dem Südgelände in Schöneberg hat sich Doris Hennig mal mit Jugendlichen angelegt, die Bäume und Parkbänke besprühten. „Da kam es zu einer richtigen Auseinandersetzung und ich musste flüchten, weil Spraydosen flogen“, erzählt die 63-Jährige. Furchtbar aufgeregt habe sie sich damals. Inzwischen sprayt die Tempelhoferin selbst: Ihre Mülltonne hat sie verziert – die wurde zu ihrem Leidwesen danach aber von der Müllabfuhr mitgenommen und ausgetauscht – außerdem probierte sie sich an einer Mauer aus, die ihr gehört. Was für Doris Hennig früher Schmiererei war, kuckt sie sich nun genau an. „Graffiti hat mich gepackt“, sagt sie.

Daran ist Stephanie Hanna nicht ganz unschuldig. Die 37-jährige Kreuzbergerin hat als Abschlussarbeit an der Universität der Künste das Projekt „Senior Street Art“ entwickelt. Seit 2005 bietet sie Workshops zu Straßenkunst für Menschen ab 50 an. Zum einen möchte sie den Senioren Street Art und Graffiti näher bringen, denn die können damit oft nicht viel anfangen und ärgern sich vor allem darüber, zum anderen sagt Hanna, sie wolle die Spuren der Älteren verstärkt im öffentlichen Raum sehen.

Doris Hennig erzählt, sie habe sich gedacht, sie müsse mal verstehen, was hinter dem Tun der Jugendlichen stecke, deshalb sei sie zum Workshop gekommen. Die

„Senior Street Art“-Workshops finden an wechselnden Orten meist in Kreuzberg statt und bewegen sich „immer im legalen Rahmen“, wie Hanna sagt. Die Künstlerin zieht mit den Senioren durch die Stadt, Street Art wird fotografiert, die Bilder werden kopiert und daraus Characters entwickelt. Sie vermittelt auch Techniken, zum Beispiel das Sprayen. Das probieren die Teilnehmer an legalen Graffiti-Wänden im Südgelände oder an der Naunynritze in Kreuzberg aus oder auf Planen, die sie vor Mauern hängen. „Das Sprühen ist sehr schwer, weil es schnell Nasen gibt“, sagt Doris Hennig. Auch die Lackstifte, mit denen die Teilnehmer des gerade in der Gelben Villa laufenden Workshops arbeiten, tropfen leicht. „Jetzt läuft das hier so runter, findest Du das schön?“, fragt die 72-jährige Barb Grubitz skeptisch die Kursleiterin. Franz, ein anderer älterer Teilnehmer, meint pragmatisch: „Das ist Berlin-typisch, außerdem gibt’s das auch in der modernen Kunst.“

Anders als Doris Hennig kann sich Barb Grubitz aus Mitte nicht vorstellen, selbst Spuren auf der Straße zu hinterlassen. Sie sei eher „ein ordnungsliebender Mensch“. Sie sagt aber auch, durch Stephanie Hanna habe sie eine andere Sicht auf „die Schmierereien“ bekommen. „Ich habe gelernt, Kunst darin zu sehen und finde, man sollte jungen Menschen Platz geben, sich auszudrücken“, so die 72-Jährige, die eher zufällig über eine Bekannte im Workshop gelandet ist.

Stephanie Hanna freut sich, wenn sich die Haltung der Senioren verändert. „Es geht auch darum auszuprobieren, wie kann ich meinen Geschmack unterbringen“, sagt sie. Vor allem ältere Frauen nähmen teil, und die seien es nicht gewöhnt, Raum für sich zu beanspruchen. Von den 20, 30 Senioren, die bisher an ihren Workshops teilgenommen hätten, gebe es keinen Einzigen, der einfach so was an die Wand gesprüht habe, ohne sich zu fragen, ob das gut genug sei, erzählt die Künstlerin. „Die wundern sich oft über die Unbefangenheit der Jungen, die einfach ihr Bild in die Stadt setzen.“

Senior Street Art: In der Gelben Villa, An der Wilhelmshöhe 10, Kreuzberg, findet bis 30. Juni dienstags 15.30 bis 17.30 Uhr ein gemeinsamer Workshop für Senioren und Kinder statt.

Im Internet unter:
www.seniorstreetart.de

Berliner Zeitung, 06.05.2009


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