Berlin
- Auf dem Südgelände in Schöneberg hat sich Doris Hennig mal mit
Jugendlichen angelegt, die Bäume und Parkbänke besprühten. „Da kam es
zu einer richtigen Auseinandersetzung und ich musste flüchten, weil
Spraydosen flogen“, erzählt die 63-Jährige. Furchtbar aufgeregt habe
sie sich damals. Inzwischen sprayt die Tempelhoferin selbst: Ihre
Mülltonne hat sie verziert – die wurde zu ihrem Leidwesen danach aber
von der Müllabfuhr mitgenommen und ausgetauscht – außerdem probierte
sie sich an einer Mauer aus, die ihr gehört. Was für Doris Hennig
früher Schmiererei war, kuckt sie sich nun genau an. „Graffiti hat mich
gepackt“, sagt sie.
Daran ist Stephanie Hanna nicht ganz
unschuldig. Die 37-jährige Kreuzbergerin hat als Abschlussarbeit an der
Universität der Künste das Projekt „Senior Street Art“ entwickelt. Seit
2005 bietet sie Workshops zu Straßenkunst für Menschen ab 50 an. Zum
einen möchte sie den Senioren Street Art und Graffiti näher bringen,
denn die können damit oft nicht viel anfangen und ärgern sich vor allem
darüber, zum anderen sagt Hanna, sie wolle die Spuren der Älteren
verstärkt im öffentlichen Raum sehen.
Doris Hennig erzählt,
sie habe sich gedacht, sie müsse mal verstehen, was hinter dem Tun der
Jugendlichen stecke, deshalb sei sie zum Workshop gekommen. Die
„Senior
Street Art“-Workshops finden an wechselnden Orten meist in Kreuzberg
statt und bewegen sich „immer im legalen Rahmen“, wie Hanna sagt. Die
Künstlerin zieht mit den Senioren durch die Stadt, Street Art wird
fotografiert, die Bilder werden kopiert und daraus Characters
entwickelt. Sie vermittelt auch Techniken, zum Beispiel das Sprayen.
Das probieren die Teilnehmer an legalen Graffiti-Wänden im Südgelände
oder an der Naunynritze in Kreuzberg aus oder auf Planen, die sie vor
Mauern hängen. „Das Sprühen ist sehr schwer, weil es schnell Nasen
gibt“, sagt Doris Hennig. Auch die Lackstifte, mit denen die Teilnehmer
des gerade in der Gelben Villa laufenden Workshops arbeiten, tropfen
leicht. „Jetzt läuft das hier so runter, findest Du das schön?“, fragt
die 72-jährige Barb Grubitz skeptisch die Kursleiterin. Franz, ein
anderer älterer Teilnehmer, meint pragmatisch: „Das ist Berlin-typisch,
außerdem gibt’s das auch in der modernen Kunst.“
Anders als
Doris Hennig kann sich Barb Grubitz aus Mitte nicht vorstellen, selbst
Spuren auf der Straße zu hinterlassen. Sie sei eher „ein
ordnungsliebender Mensch“. Sie sagt aber auch, durch Stephanie Hanna
habe sie eine andere Sicht auf „die Schmierereien“ bekommen. „Ich habe
gelernt, Kunst darin zu sehen und finde, man sollte jungen Menschen
Platz geben, sich auszudrücken“, so die 72-Jährige, die eher zufällig
über eine Bekannte im Workshop gelandet ist.
Stephanie Hanna
freut sich, wenn sich die Haltung der Senioren verändert. „Es geht auch
darum auszuprobieren, wie kann ich meinen Geschmack unterbringen“, sagt
sie. Vor allem ältere Frauen nähmen teil, und die seien es nicht
gewöhnt, Raum für sich zu beanspruchen. Von den 20, 30 Senioren, die
bisher an ihren Workshops teilgenommen hätten, gebe es keinen Einzigen,
der einfach so was an die Wand gesprüht habe, ohne sich zu fragen, ob
das gut genug sei, erzählt die Künstlerin. „Die wundern sich oft über
die Unbefangenheit der Jungen, die einfach ihr Bild in die Stadt
setzen.“
Senior Street Art: In der Gelben Villa, An der
Wilhelmshöhe 10, Kreuzberg, findet bis 30. Juni dienstags 15.30 bis
17.30 Uhr ein gemeinsamer Workshop für Senioren und Kinder statt.
Im Internet unter:
www.seniorstreetart.de